Wendepunkte? (Bei Euch – Folge 81 – 5.6.2021)
Sind tote Punkte Wendepunkte? Zumindest erhofft das der Münchener Erzbischof Reinhard Kardinal Marx. Rein mathematisch gesehen ist das aber nur eine Möglichkeit. Tote Punkte sind Punkte bei denen die Ableitung einer Funktion 0 beträgt. Das können Wendepunkte, aber auch Sattelpunkte sein, nach denen eine vorherige Entwicklung weitergeht – manchmal sogar noch rasanter. Die Hoffnung, ein toter Punkt, an den man gelangt ist, könnte die Wende bedeuten, ist möglicherweise trügerisch. Dass tote Punkte Hoffnung hervorbringen, ist freilich in Kirche wie Gesellschaft typisch. In Israel wird durch eine neue Koalition, an der auch eine Partei arabischer Israelis beteiligt ist, die zwölfjährige Regierung Netanjahus beendet. Wird die disparate neue Koalition aber halten? Bringt sie die Wende oder nur neue Spaltungen? Bringt der Rücktritt eines prominenten Kardinals die Wende oder bewirkt sie nur die Beschleunigung des Niedergangs? Fakt ist, dass Lippenbekenntnisse alleine nicht reichen. Die Wende muss getan werden. Verantwortlich dafür ist … jede und jeder! Verantwortung aber kann nicht delegiert werden.
Der dreifaltige Gott und die Welt – eine Verhältnisbestimmung (Glaubensinformation)
Das Bekenntnis zum dreifaltig einen Gott eint die Christen über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Es ist das Ergebnis eines dreihundertjährigen theologischen Reflektierens und Ringens, das mit der Erfahrung der Auferstehung des Gekreuzigten seinen Anfang nimmt und zu der Erkenntnis führt, dass Gott der eine ist, der in sich Begegnung ist. Der Dreifaltigkeitsglaube bekennt den einen Gott in den drei Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Es ist gerade die Einheit Gottes, die auch die Christen zur Einheit mahnt. Dabei zeugt das Bekenntnis zur Dreifaltigkeit auch von einem Glauben an einen Gott, der in sich hochdynamisch ist, ja, der gerade darin nicht für sich sein kann. Die Welt geht gewissermaßen immer schon aus Gott hervor. Gott und Welt stehen in ei-nem unaufgebbaren Verhältnis. Das hat nicht nur Folgen für das Gottesbild, sondern auch für das Welt- und Menschenbild.
Audiatur et altera pars (Bei Euch – Folge 80 – 25.5.2021)
Konflikte lösen selbst bei denen, die nicht unmittelbar beteiligt sind, häufig den Reflex der Parteinahme aus. Das gilt für internationale Konflikte ebenso wie für Konflikte im unmittelbar zwischenmenschlichen Bereich. Dabei liegt eine Ursache für Konflikte häufig in der mangelnden Fähigkeit begründet, die Dinge aus einer anderen Perspektive, vor allem aus dem Blickwinkel der Gegner, zu betrachten. Deren Bedürfnisse, Sichtweisen oder Sehnsüchte werden so bekämpft, oft ohne, dass sie verstanden würden. Das alte Rechtsprinzip des „Audiatur et altera pars“ – Höre auch den anderen Teil! – könnte hier helfen; vor allem aber denen, die nicht unmittelbar am Konflikt beteiligt sind und so möglicherweise als Vermittler auftreten könnten. Wer allerdings voreilig Partei nimmt, kann nicht mehr vermitteln – im Kleinen wie im Großen.
Ist das gerecht? (Bei Euch – Folge 79 – 15.5.2021)
Der Konflikt in Israel erfährt in den Maitagen des Jahres 2021 einen neuen Höhepunkt. Die Juden feiern am 16. Mai 2021 Shawuot, das Fest des der Übergabe der Thora. Christen feiern eine Woche später Pfingsten – das Fest der Sendung des Heiligen Geistes. Wo Gott mit den Menschen einen Bund schließt, sollten Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Aber es kein Friede. Neid und Missgunst, Enteignungen und Übervorteilungen schüren beständig den Konflikt im Kleinen wie im Großen. Gerechte Kriege kann es nicht geben, ein gerechter Friede müsste wachsen – und kann nur wachsen, wenn vernünftige Klugheit bisweilen den freiwilligen Verzicht auf eigentlich sichere Rechtsansprüche bewirkt …
Der Geist der Zeit und der Geist des Raumes – Warum die Welt ist (Glaubensinformation)
Das christliche Glaubensbekenntnis spricht von Gott als Vater, Sohn und Heiligem Geist. Diese Dreifaltigkeit deutet zum einen auf die hohe Dynamik hin, die dem einen Gott zu eigen ist. Gleichzeitig aber beinhaltet sie auch eine Definition der Beziehung von Gott und Welt: Der Vater ist der Schöpfer, durch den Sohn ist alles geschaffen und der Heilige Geist erfüllt das Universum mit Leben. Raum und Zeit sind deshalb auf das Engste mit dem Heiligen Geist verbunden. Wer auch immer sich deshalb vorschnell gegen den Zeitgeist wendet, sollte überprüfen, ob nicht der Geist Gottes dieser Geist der Zeit ist. In jedem Fall aber birgt der Glaube an den Heiligen Geist eine Reihe von Konsequenzen für das Verständnis von Raum und Zeit, aber auch für das Verstehen des Verhältnisses von Gott und Welt. Es wird deutlich, dass auch das, was wir durch die Naturwissenschaften erkennen können, nicht nur in keinem Widerspruch zu diesem Glauben steht! Im Gegenteil: Recht betrachtet korrelieren – freilich auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen – diese beiden um das Verstehen der Welt ringenden Betrachtungsweisen der Welt.
Identitäten (Bei Euch – Folge 78 – 8.5.2021)
Was ist der Mensch? Was macht seine Identität aus? Der Mensch ist so viel mehr als die Summe seiner einzelnen Eigenschaften. In der gegenwärtigen Identitätsdebatte aber wird von allen Seiten eine Reduktion vorgenommen, die bei nicht nur bei näherer Betrachtung eher spaltet als versöhnt. Wenn wir begreifen, dass unsere Identitäten sich immer aus vielen verschiedenen Facetten zusammensetzen, die sich gerade nicht auf Äußerlichkeiten reduzieren lassen, dann könnten auch alte schwarze Männer Texte junger weißer People of no Colour übersetzen. Kann sich eine Menschheit weiter solche Trennungen leisten, die letztlich die Freiheit aller – global wie generationenübergreifend – gefährdet? Der Mensch sei Mensch – das zu begreifen scheint die größte intellektuelle Herausforderung der Gegenwart zu sein. Wenn der Mensch zum Menschen wird, werden wir begreifen, wie vielfältig uns lebendig Menschsein ist und wie gerade diese Vielfalt die Beschränkungen des eigenen Ichs komplementär ergänzt und bereichert. Eines nämlich ist immer klar: Gegenüber dem Ganzen ist der oder die Einzelne immer eine Minderheit – und eine verschwindend geringe noch dazu …
Lebendigmacher und Anstifter – Gott, der Heilige Geist, und die Kirche (Glaubensinformation)
Christen verehren den einen Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist. Speziell der Heilige Geist ist der Lebendigmacher, der lebenspendende Atem Gottes. So gesehen ist Gott in allem, was atmet gegenwärtig. Nicht ohne Grund heißt es deshalb in Psalm 150: „Alles, was atmet, lobt den Herrn“.
Fragen! (Bei Euch – Folge 77 – 27.4.2021)
„Versteht ihr auch, was ihr lest?“ – diese Frage richtet der Apostel Philippus in der Apostelgeschichte an den äthiopischen Kämmerer. Man möchte sie heute jenen Schauspielerinnen und Schauspielern stellen, die – ohne offenkundig nach den Hintergründen zu fragen – in 53 Videos eher sarkastisch als ironisch über die Corona-Maßnahmen herziehen. Die Reaktion war drastisch. Manche eine und manch einer zogen ihren Beitrag zurück, andere halten stur fest und verstärken ihre Haltung noch. So oder so wird deutlich: Prominenz darf nicht mit Relevanz verwechselt werden. Schauspieler sind eben Schauspieler. Sie setzen Texte in Szene – auch wenn sie nicht verstehen, was sie tun. Im aktuellen Fall ist das allerdings tragisch, weil die Schauspieler sich selbst darstellen. Und das wirft Fragen auf. Fragen sind überhaupt notwendig, wenn Menschen verantwortlich handeln. Auch die Pandemiemaßnahmen sind ständig zu hinterfragen. Wer aber die Regeln aus vernünftiger Einsicht befolgt, ist kein Untertan, sondern ein Demokrat, der seinen Teil an der gesellschaftlichen Verantwortung übernimmt. Also: Fragen!
Die drei Wege (Bei Euch – Folge 76 – 17.4.2021)
Die Suche nach dem richtigen Weg prägt den Umgang mit der Corona-Pandemie. Das Voranirren der Verantwortlichen ist nur mäßig geeignet, Vertrauen in der Bevölkerung zu wecken. Dabei wäre jetzt Eigenverantwortung wie nie gefragt. Soll man da nicht seine eigenen Regeln machen? Oder soll man in fast pubertärer Revoluzzerhaltung einfach gegen alles sein, was den eigenen Befindlichkeiten zuwider läuft? Nur eines ist sicher: Dieses Virus ist wenig verhandlungsbereit. Es braucht den dritten Weg: Mündiges Handeln im Verstehen, Durchdenken und Annehmen komplexer Herausforderung.
Das ist doch apokryph! Außerbiblische Auferstehungsevangelien (Glaubensinformation)
Kreuzestod und Auferstehung bilden die innere Mitte des christlichen Glaubens. Schon das älteste Glaubensbekenntnis, das im 1. Korintherbrief überliefert ist, formuliert dieses Fundament der Christenheit. Die Auferstehungsberichte in den Evangelien entfalten in merkwürdig vorsichtiger Erzählweise dieses zentrale Bekenntnis. Schon hier wird deutlich, dass die Erfahrung und Begegnung mit dem Auferstandenen selbst für die unmittelbaren Zeugen nicht einfach zu fassen und doch von solcher Realität ist, dass sie für sie zu einer Lebenswende wird. Es kann daher nicht verwundern, dass auch außerbiblisch viele Texte entstehen, die versuchen, die Auferstehung zu begreifen. Innerhalb der christlichen Überlieferung finden sich so zahlreiche apokryphe Auferstehungsevangelien (apokryph ist griechisch und heißt „verborgen“). Sie weisen auf eine lebendige und streitbare Überlieferung hin, in der immer wieder die Figuren Maria von Magdala und Petrus konkurrieren. Andererseits finden sich auch Texte, die von der Befreiung der Toten aus der Unterwelt durch den Auferstandenen erzählen. Es war eine lebendige Zeit, deren Echo bis heute nachwirkt. Der Abend stellt eine Auswahl dieser Texte vor, führt in ihr Verständnis ein und zeigt auf, wie sehr diese Schriften die christliche Vorstellungswelt bis heute beeinflussen.