Geschöpf und Ebenbild: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst?“ Psalm 8,5 (Glaubensinformation)
Die Frage nach dem, was der Mensch ist, beschäftigt Theologie und Philosophie gleichermaßen. Ist er bloß ein Tier, das sich seiner selbst bewusst ist, oder ein Wesen das spielen kann? Juden wie Christen sehen im Men-schen ein Geschöpf Gottes, dass nach dessen Bild, nach seiner Idee geschaffen wurde. Als Abbild Gottes parti-zipiert der Mensch nicht nur am göttlichen Schöpfungswerk; Gott hat ihn auch als echtes Gegenüber, als Person mit Freiheit geschaffen, weil nur in Freiheit eine echte, freie Antwort möglich ist. Das bedingt, dass der Mensch sich in seiner Freiheit auch von Gott abwenden kann. Freilich ist auch Gott frei – und das hat Konsequenzen für ein Verhältnis von Schöpfer und ebenbildlichen Geschöpf, das dialektischer nicht sein könnte. Es ist diese Spannung, in der sich menschliches Leben befindet – eine Spannung, der man ausweichen kann, die aber höchst sinnstiftend ist, wenn man sich ihr stellt.
Wahrheit kennt keine Kompromisse (Bei Euch – Folge 53 – 19.9.2020)
Die Wahrheit ist von flüchtigem Wesen. Man kann sie nicht für sich haben. Wahrheit gibt es immer nur an sich. Man kann Wahrheit nicht aushandeln, wohl aber sich ihr im gemeinsamen Suchen und Ringen nähern. Dem entspricht die Arbeitsweise der Wissenschaften – aus Evidenzen, Zahlen, Daten, Fakten und Quellen mit Logik und Schlussverfahren Erkenntnisse zu generieren, die ihrerseits wieder Ausgangspunkt für neue Fragen sein können (und sollen). Gerade in Krisenzeiten ist das Streben nach einfachen Antworten groß. Die Wahrheit aber ist oft nicht einfach. Es braucht Geduld und Hartnäckigkeit, um ihr auf die Spur zu kommen. Wer das übersieht, wird viele wie ein Durcheinanderwerfer, ein Diabolos, zerstören – nur die Wahrheit wird man so nicht finden. Das ist eine Zumutung – richtig! Eine Zumutung, die sich lohnt, anzunehmen.
Auf hoher See und vor Gericht (Bei Euch – Folge 52 – 13.9.2020)
Morija war ein Prüfstein, Moria ist es heute. Am Berg Morija wird der Glaube des Stammvaters Abraham geprüft, als er seinen Sohn Opfer soll, es aber bei der bloßen Bindung bleibt. In Morio auf der griechischen Insel Lesbos steht Europa vor der Prüfung, ob es zu seinen Werten, von denen behauptet wird, sie seien jüdisch und christlich, steht. Zwischen der Diskussion um Pull- und Push-Faktoren bleibt die Frage nach dem, was der Mensch sein soll, auf der Strecke. Das ist nicht nur eine Frage europäischer Werte, sondern für glaubende Menschen immer auch die des göttlichen Gerichtes: Wie wird man dem göttlichen Richter Rechenschaft über das ablegen können, was man getan, aber eben auch nicht getan hat?
Angst frisst Denken (Bei Euch – Folge 51 – 5.9.2020)
Corona ist eine Zumutung, SARS-CoV-2 eine Heimsuchung. Der aufgeklärte Mensch der Gegenwart, ist – gefangen in einer Illusion, mit Technik die Natur beherrschen zu können – nicht nur desillusioniert; der Verlust der gewohnten „Normalität“ verunsichert auch viele. Während die meisten Menschen sich allerdings längst der selbstverschuldeten Unmündigkeit entledigt haben und zunehmend lernen, in großer Gelassenheit im Alltag mit dem Virus zu leben. Außerdem geht es um die Frage, welche Bedeutung Dogmen haben.
Überliefert, was empfangen wurde – Glaubensformeln im Neuen Testament (Glaubensinformation)
Bereits in den Anfängen des Christentums bildeten sich wenige Jahre nach Entstehen der ersten Gemeinden formelhafte Glaubensbekenntnisse heraus, die teilweise in den Schriften des Neuen Testamentes – vor allem in den Paulusbriefen – erhalten sind. Diese Glaubensformeln werden im Verlauf des Abends vorgestellt, in ihren historischen Kontext eingeordnet und inhaltlich erläutert. Auf diese Weise werden die Urwurzeln des christlichen Glaubens deutlich.
Zeit zum Leben (Bei Euch – Folge 50 – 30.8.2020)
Krisen sind Herausforderungen. Veränderungen sind unausweichlich. Das Unbekannte schürt bei manchen Ängste, bei anderen werden Forschergeist und Neugier geweckt. Dabei sind Emotionen meist wirksamer als Informationen. Deshalb kann es kaum verwundern, wenn viele den bitteren Weg der Wahrheitssuche umgehen und einfachen Lösungen vertrauen, die bei näherem Hinsehen der Komplexität des Problems nicht gerecht werden. Zeit ist allerdings ein hohes Gut. Wenn Menschen in etwas Lebenszeit investieren, bleiben sie meist auf diesem Pfad, selbst wenn er sich als Irrweg entpuppen sollte. Gerade deshalb ist es auch in Krisen wichtig, dem Leben Raum zu geben. Dazu bedarf es in Krisen, wenn nichts auf „normale“ und gewohnte Weise geht, bei den Verständigen in Kirche und Gesellschaft kreativer und schöpferischer Ideen, dem Leben Raum zu verschaffen. Eines ist gewiss: Tote haben keine Zeit mehr, Lebende schon. Wenn die Hoffnung nicht sterben soll, ist es Zeit zu Leben!
Opferkult (Bei Euch – Folge 49 – 22.8.2020)
„Sich als Opfer zu definieren, ist ein Bestreiten dessen, was uns zu Menschen macht.“ (Jonathan Sacks) Dabei ist der Opfer-Begriff schillernd, trägt er doch immer einen Beziehungsaspekt in sich. Man kann zum Opfer werden. Andererseits kann man sich aktiv für jemand anderen opfern. Der Opferbegriff kann also auch von hoher ethischer Kompetenz zeugen. Auch in der jüdischen Tradition spielt der Opferbegriff eine wichtige Rolle – hier insbesondere als Beziehungsgeschehen zwischen Mensch und Gott. Diese Tradition könnte eine mögliche Lösung für diejenigen in sich tragen, die zu Opfern gemacht werden. In der Ermächtigung und Wiedererlangung der Souveränität über sich selbst wird Aktion ermöglicht. Kirche und Gesellschaft können daran mitwirken, indem sie die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu verpflichtet allein schon die Würde der Opfer.
Das Credo – Grundcharta des christlichen Glaubens (Glaubensinformation)
Das Credo ist die Essenz des christlichen Glaubens. Ausgehend von Kreuzestod und Auferstehung Jesu wird die Frage um dessen Wesen zum Anlass für eine christologische Reflexion und ein Ringen, das in der Formulierung des Glaubensbekenntnisses der Konzilien von Nicäa (325 n.d.Z.) und Konstantinopel (381 n.d.Z.) ihren Höhepunt und hymnischen Ausdruck in einem Text findet, der als Symbolon über alle Konfessionen hinweg die Basis des christlichen Glaubens bildet.
Himmelfahrtskommando (Bei Euch – Folge 48 – 14.8.2020)
Die Ursachen, Folgen und Lösungsansätze der Corona-Pandemie sind komplex. Während die einen nach dem „Prinzip Hoffnung“ handeln, agieren andere im Modus eines Himmelfahrtskommandos. Manch einer, der sich als Querdenker wähnt, entpuppt sich dabei als Mensch, der bestenfalls ein Brett quer vor dem Kopf trägt. Aber selbst besonnene Zeitgenossinnen und -genossen tappen in selbstgerechte Empörungsfallen. Bei all dem gerät aus dem Blick, dass eine Pandemie wie jene, die durch das Virus SARS-CoV-2 verursacht ist, nur als solidarisches Projekt der Gesellschaft als Ganzer bewältigt werden kann. Dabei bleiben Fehler nicht aus – Fehler, aus denen man lernen kann und soll.
Doppelboden vs. Hohlraum (Bei Euch – Folge 47 – 8.8.2020)
Worte schaffen Wirklichkeiten. Das ist nicht nur für Glaubende eine grundlegende Erkenntnis, die bekennen, dass Gott durch sein Wort schafft; die kommunikationstheoretische Entdeckung der performativen Macht menschlicher Sprache gilt auch für jene, die sich mit dem Glauben an einen göttlichen Schöpfer schwer tun. Ganz alltäglich ist vielen die Erfahrung digitaler „Shitstorms“ oder „Flauschs“ geläufig, die entweder persönliches Unbehagen oder euphorische Wohligkeit bewirken. Worte sind mächtig. Der Verlust um das Bewusstsein um die Vielschichtigkeit menschlicher Sprache und der Fähigkeit, Ironie, Methaphorik oder Polemik zu verstehen, ist ein erschreckendes Phänomen der Gegenwart.