Gretchens Graben (Bei Euch – Folge 46 – 1.8.2020)
Die Debattenkultur gerät zunehmend in die Krise. Das Tucholsky-Paradigma, Satire dürfe alles, wird etwa gerne bemüht, wenn es der eigenen Sicht der Dinge entspricht. Oft genug aber rufen dieselben Leute, die die Allzuständigkeit der Satire bemühen, gegenwärtig zur Löschung von Beiträgen auf, wenn die Satire nicht im eigenen Sinn ist. Auf diese Weise stirbt jede lösungsorientierte Kommunikation. Da man nach einer Erkenntnis Paul Watzlawicks nicht nicht kommunizieren kann, sind die Wirkungen auf Strategien zur Konfliktbewältigung in der Gegenwart fatal. Sie gleicht in Kirche wie in der Gesellschaft zunehmen einer Kultur kommunikativer Schützengräben, einem rhetorischen Stellungskampf, der zwar hohe Verluste fordert, aber keinerlei Fortschritt bringt. Es ist längst an der Zeit, etwas zu ändern. Statt Teil des Problems zu bleiben, sollte eine Besinnung auf die Suche nach Lösungen Raum greifen.
Elefantenreiten (Bei Euch – Folge 45 – 25.7.2020)
Reiz und Reaktion bestimmen auch das menschliche Handeln immer wieder. Das ist nur zu verständlich, weil gefährliche Situationen schnelles Handeln erfordern. Das hat das Überleben der Menschheit gesichert. Die korrekte biologische Einordnung des Säbelzahntigers in der Savanne kann das Leben kosten; die Fluchtreaktion auf den visuellen Reiz hingegen Leben retten. Solcherart Vorurteile haben also durchaus ihre evolutionäre Berechtigung. Für den Menschen als kulturelles Wesen hingegen birgt sie aber auch Gefahren, wenn in einer zunehmend globalisierten Welt alles Fremde automatisch, weil es unbekannt ist, mit Gefahr verbunden wird und auf den Reiz hin die Reaktion einer universellen Abwehr folgt. Der Mensch zeichnet sich nun aber insbesondere dadurch aus, dass er seine Reaktionen bewusst setzen kann. Es wäre also notwendig, den Reaktionselefanten reitend zu zähmen.
Wolfszeiten (Bei Euch – Folge 44 – 18.7.2020)
Die Wölfe sind wieder da. Als biologische Spezies wandern sie schon seit längerer Zeit von Ost- nach Mitteleuropa ein. Selbst am Niederrhein hat man schon Exemplare gesichtet. Dabei löst die Anwesenheit des Wolfes ambivalente Gefühle aus. Die einen sind fasziniert von der Schönheit des Tieres und seiner Lebensweise, die sie schützen wollen; andere sehen in ihm einen Jäger, der die Schwäche anderer Wesen ausnutzt – und im Zweifel wohl auch vor Menschen nicht halt mach. In der Bibel steht der Wolf meist für Gefahr. Der berühmte „Wolf im Schafspelz“ (vgl. Matthäus 7,15) steht im Mund Jesu für die falschen und gefählichen Propheten. Andererseits zeichnet sich das Paradies dadurch aus, dass der Wolf durch das Lamm beschützt wird. Auch Zeichenhandlungen sind oft ambivalent – ebenso wie das Bestreben der türkischen Regierung, die Hagia Sophia wieder zur Moschee zu machen.
Der Schöpfer und seine Schöpfung – eine Verhältnisbestimmung (Glaubensinformation)
Der Glaube an einen allmächtigen Schöpfergott wirft vielfältige Fragen auf. Wie können in einer an sich als gut gedachten Schöpfung Tod und Leid existieren ohne dass der allmächtige Schöpfer korrigierend eingreift? Warum schweigt Gott angesichts des Leides in der Welt? Es zeigt sich, dass ein allmächtiger Schöpfergott an sich auch ohnmächtig sein muss. Der Ruf nach der Allmacht Gottes wird so letztlich auch zum Auftrag an den Menschen.
Gefühlte Wahrheiten (Bei Euch – Folge 43 – 11.7.2020)
Emotion geht vor Information. Wenn Argumente fehlen, übernehmen Gefühle die Herrschaft. Das ist in der Welt genauso der Fall wie in der Kirche. Die Emotionalisierung treibt derweil hier wie dort seltsame Früchte. Dabei sind Gefühle, was sie sind: Eine innere Wahrnehmung von subjektivem Wert.
Der Segen des Zweifels (Bei Euch – Folge 42 – 3.7.2020)
Ohne Zweifel kann der Glaube nicht wachsen. Das mag manche Fromme verwundern, die in vermeintlicher Glaubenstreue zweifellos über jeden Zweifel erhaben sein wollen. Gerade der Zweifel aber bewahrt vor einer trügerischen Sicherheit, drängt er doch zu immer tieferer Reflexion. Ohne solche Reflexionen wäre es nie möglich gewesen, Kathedralen zu bauen, die Generationen und Jahrhunderte überdauern und heute noch von einer geistigen und geistlichen Schaffenskraft zeugen, die heutzutage ihresgleichen sucht. Das liegt mitunter nicht zuletzt an falschen Selbstsicherheiten, deren Entlarvung nicht etwa in Selbstreflexion führt, sondern in zurückgezogene Orte vermeintlicher Sicherheit.
Siebenschläfer – Wenn es bleibt, wie es ist (Bei Euch- Folge 41 – 27.6.2020)
Egal ob Ausschreitungen, mörderische Anschläger religiöser oder ideologischer Fanatiker oder die Kundgabe unliebsamer Entwicklungen – die Reaktion der Verantwortlichen ist meist phrasenhaft und von redundanter Betroffenheitslyrik geprägt. Dann wird von Alarmzeichen fabuliert und ein „Nie wieder“ beschworen; man bekennt sich auch gerne dazu jenen Anfängen zu wehren, die schon längst hinter einem liegen oder man sagt ganz einfach im Brustton der Überzeugung, das man nun verstanden habe. Das alles sind ewige Lippenbekenntnisse, die längst Herpes haben, weil ihnen nie Taten folgen. Die Siebenschläfer finden stete Nachahmer in Kirche und Gesellschaft – so dass alles bleibt, wie es ist, das aber mit verlässlicher Betroffenheit konstatiert wird. Das Vorbild ist fatal: Die Siebenschläfer überdauern Jahrhunderte in sicherem Schlaf, nur um dann doch kurz nach dem Erwachen zu sterben. Auch das ist ein Alarmzeichen. Was aber wird sich ändern, wenn jedes Sirenengeheul nur für einen Probealarm gehalten wird …
Menetekel 27 (Bei Euch – Folge 40 – 20.6.2020)
Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Was der gesunde Menschenverstand und die Weisheit des Volkes wissen, wird von jenen gerne übergangen, die sich selbst im Mittelpunkt selbstgeschaffener Welten wähnen. Das gilt für Fleischlieferanten wie für Jungpolitiker. Ein Großausbruch der Corona-Pandemie in einer einem Großschlachthof in Rheda-Wiedenbrück wirft die Frage auf, wie fahrlässig man als Betreiber wohl nach den Vorgängen in ähnlichen Betrieben wie in Coesfeld sein muss oder ob das Wohl von Mensch und Tier nicht dem persönlichen Gewinnstreben brutal untergeordnet wurde. Andererseits verirrt sich ein junger aufstrebender Politiker in den Irrungen und Wirrungen eigener Selbstüberschätzung. Es ist kein Wunder, dass es jungen Menschen an Erfahrung und Lebensweisheit fehlt. Schwierig wird es, wenn man dem Rat falscher Mentoren vertraut, die nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben.
Die Bibel gegen den Strich gelesen (Glaubensinformation)
Gerade viel gehörte Bibeltexte erscheinen oft so vertraut, dass der Sinn des Textes schon fest zu stehen scheint. Bei näherem Hinsehen und Hinhören eröffnen sich aber überraschende Perspektiven, die nicht nur manches in einem neuen Licht erscheinen lassen, sondern das bisher Geglaubte auch in Frage stellen. Das gilt beispielsweise für die Frage nach dem Apostelfürsten. Landläufig wird Petrus als solcher bezeichnet – und doch war er es nicht von Anfang an. Der Abend, zu dem die Katholische Citykirche Wuppertal einlädt, nimmt diese und andere Frage unter die Lupe. Es zeigt sich, dass es sich lohnt, die Bibel selbst in die Hand zu nehmen und nachzusehen.
Splitter und Balken (Bei Euch – Folge 39 – 12.6.2020)
Den Splitter im Auge des Anderen zu sehen, den Balken im eigenen Auge zu übersehen, ist nicht nur menschlich, sondern bleibend aktuell. In modernem Gewand nimmt er die Form des „Whataboutism“ an – einer Strategie, mit der man ein unangenehmes Thema mehr oder weniger Geschickt auf ein anderes, meist niedrigeres Niveau ziehen möchte, in dem man sich dann auszukennen glaubt. Das Phänomen begegnet gegenwärtig wieder, wenn es um die Rassismus-Debatte geht, die durch den gewaltsamen Tod George Floyds ausgelöst wurde. Mal wird dann auf dessen kriminelle Vergangenheit verwiesen, mal auf seinen medizinischen Zustand, wieder ein anderes Mal wird behauptet, auch hellhäutige Menschen würden Opfer von Rassismus und schließlich gäbe es auch andere wichtige Themen. Alles stimmt – irgendwie; und gleichzeitig trägt es nichts zur Sache bei, dass in den USA ein unbewaffneter, gefesselter Mann schwarzer Hautfarbe, der sich ergeben hatte gewaltsam zu Tode kam. Welchen Balken und welches Brett muss man da vor dem Kopf haben, wenn man das übersieht. Manch einer, der sich da vermeintlich visionär gegen den „Mainstream“ stellt, entpuppt sich tatsächlich bloß als Geisterfahrer …