Splitter und Balken (Bei Euch – Folge 39 – 12.6.2020)

Den Splitter im Auge des Anderen zu sehen, den Balken im eigenen Auge zu übersehen, ist nicht nur menschlich, sondern bleibend aktuell. In modernem Gewand nimmt er die Form des „Whataboutism“ an – einer Strategie, mit der man ein unangenehmes Thema mehr oder weniger Geschickt auf ein anderes, meist niedrigeres Niveau ziehen möchte, in dem man sich dann auszukennen glaubt. Das Phänomen begegnet gegenwärtig wieder, wenn es um die Rassismus-Debatte geht, die durch den gewaltsamen Tod George Floyds ausgelöst wurde. Mal wird dann auf dessen kriminelle Vergangenheit verwiesen, mal auf seinen medizinischen Zustand, wieder ein anderes Mal wird behauptet, auch hellhäutige Menschen würden Opfer von Rassismus und schließlich gäbe es auch andere wichtige Themen. Alles stimmt – irgendwie; und gleichzeitig trägt es nichts zur Sache bei, dass in den USA ein unbewaffneter, gefesselter Mann schwarzer Hautfarbe, der sich ergeben hatte gewaltsam zu Tode kam. Welchen Balken und welches Brett muss man da vor dem Kopf haben, wenn man das übersieht. Manch einer, der sich da vermeintlich visionär gegen den „Mainstream“ stellt, entpuppt sich tatsächlich bloß als Geisterfahrer …

Bei Euch – Der Podcast der Katholischen Citykyirche Wuppertal (39)

 www.kck42.de/beieuch

Den Splitter im Auge des Anderen zu sehen, den Balken im eigenen Auge zu übersehen, ist nicht nur menschlich, sondern bleibend aktuell. In modernem Gewand nimmt er die Form des „Whataboutism“ an – einer Strategie, mit der man ein unangenehmes Thema mehr oder weniger Geschickt auf ein anderes, meist niedrigeres Niveau ziehen möchte, in dem man sich dann auszukennen glaubt. Das Phänomen begegnet gegenwärtig wieder, wenn es um die Rassismus-Debatte geht, die durch den gewaltsamen Tod George Floyds ausgelöst wurde. Mal wird dann auf dessen kriminelle Vergangenheit verwiesen, mal auf seinen medizinischen Zustand, wieder ein anderes Mal wird behauptet, auch hellhäutige Menschen würden Opfer von Rassismus und schließlich gäbe es auch andere wichtige Themen. Alles stimmt – irgendwie; und gleichzeitig trägt es nichts zur Sache bei, dass in den USA ein unbewaffneter, gefesselter Mann schwarzer Hautfarbe, der sich ergeben hatte gewaltsam zu Tode kam. Welchen Balken und welches Brett muss man da vor dem Kopf haben, wenn man das übersieht. Manch einer, der sich da vermeintlich visionär gegen den „Mainstream“ stellt, entpuppt sich tatsächlich bloß als Geisterfahrer …

Terminhinweise:

  • Dei Verbum direkt, Die ersten Gefährten – Tierethik aus biblischer Perspektive, Dr. Till Magnus Steiner (Jerusalem) und Dr. Werner Kleine (Wuppertal) diskutieren live, 16.6.2020, 19 Uhr, www.kck42.de/live
  • Glaubensinformation zum Thema „Mit neuen Augen sehen und neuen Ohren hören – Die Bibel gegen den Strich gelesen“, Webinar mit Dr. Werner Kleine, 17.6.2020, 19.00 Uhr – www.kck42.de/webinar

2 Gedanken zu „Splitter und Balken (Bei Euch – Folge 39 – 12.6.2020)“

  1. Hallo Herr Kleine,

    Es geht um die Vollmacht im heutigen Evangelium.Geht nicht zu den Heiden,betretet keine Stadt der Samariter.Das ist doch eine klare Ansage.Wieso,kam es anders?Und damit zur Verbreitung des Christentums über das Judentum hinaus?

    1. Lieber Herr Peters, Sie spielen möglicherweise in Ihrem Kommentar auch auf meinen Beitrag „Heidenspaß“ im Weblog „Kath 2:30“ an (https://www.kath-2-30.de/2020/06/13/heidenspass/), in dem ich mich zu den Texten vom 11. Sonntag im Jahreskreis des Lesejahres A äußere. Die zeigen nämlich auf eng gedrängtem Raum (und zwar alle drei – 1. und 2. Lesung sowie Evangelium – zusammengenommen) die Problemlage an: Israel genießt zuerst die Auserwählung Gottes, um ihn vor den Völker kund zu tun (1. Lesung – Ex 19,2-6a), deshalb versteht Jesus sich auch zuerst zu den verlorenen Schafen Israels gesandt und nicht zu den Heiden (Evangelium – Mt 9,36-10,8). Durch Kreuezstod und Auferstehung wird aber die Logik der an Iraels gegebenen Thora (Weisung) durchbrochen, nach der ein am Holz Sterbender von Gott verflucht sei (Dtn 21,23). Das führt frühe Christen, die in Antiochia ansässig waren zu theologischen Reflexion, dass nun der Bund Gottes auf die Völker hin erweitert worden sein müsse und die messianische Zeit, wie sie etwa bei Jesaja verheißen wird (Völkerwallfahrt) begonnen habe. Die Schlussfolgerung bildet dann auch die Basis der 2. Lesung (Röm 5,6-11). Das war zweifeslohne nicht ohne Konflikt – vor allem mit der Urgemeinde in Jerusalem, die noch stark der irdischen Tradition Jesu verhaftet war. Der hatte sich zwar zunehmend auch immer wieder mal den Heiden gegenüber geöffnet – aber wohl eher in Einzelfällen (syrophönizische Frau, heidnischer Hauptmann von Kafarnaum usw.). Auf dem Apostelkonzil in Jerusalem wurde die „neue“ Einsicht anerkannt und die Heidenmission begann auch offiziell – aber eben nicht, um eine eigene Religion zu gründen. Die Heiden sollten jetzt zu Israel, zum jüdischen Volk gehören. Das brachte neue Konflikte mit dem Judentum mit sich, die zu immer stärkeren Konflikten führten, die etwa den Hintergrund des Johannesevangeliums darstellen (deshalb ist dort immer von pauschal „den Juden“ die Rede). In der Summe führt der Konflikt am Ende des 1. Jahrhunderts zur Trennung des Judentums vom Christentum – wahrscheinlich, weil das Christentum eher eine Minderheit war, betrieben von den Offiziellen des Judentums, die die, die an den Gekreuzigten glaubten, quasi exkommunizierten. Da soll die jüdische Synode von Jamnia oder Jabne (um 100 n.Chr.) eine gewisse Rolle gespielt haben (die Synode von Jamnia befasst sich primär mit der Frage, wie das Judentum nach der Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem im Jahr 70 n.Chr. neu restitutiert werden kann; es ist die Keimzelle des rabbinischen Judentums, wie wir es heute kennen). Streng genommen entsteht die Kirche bzw. das Christentum als eigenständige Religion also erst im ausgehenden 1. Jahrhundert – und sie ist Ergebnis eines theologischen Reflexionsprozesses – durchaus in der Vollmacht Jesu, der den Seinen ja mitgibt, dass gelöst sei, was sie lösten, und gebunden sei, was sie binden (vgl. Mt 18,18). Mein Doktorvater Helmut Merklein pflegte außerdem hinzuzufügen, dass sich darin gerade das kreative Wirken des Hl. Geistes erweisen könne (und augenzwinkernd fügte er hinzu: aber nicht unbedingt müsse …).
      Genau das aber ist heute wichtig: Es gibt neue Fragen, die theologisch und durchaus streitbar zu neuen Antworten führen. Das wäre auch heute notwendig. Dass das Christentum über das Judentum hinaus wuchs, ja, sogar in einer gewissen Weise eigenständig wurde, kann man nicht einfach so auf einen Auftrag Jesu zurückführen; wohl aber ist es in einer auf Jesus zurückgehenden Gesamtentwicklung begründet – und die hält in anderen Fragen eben auch an. Der Auftrag wäre also längst erteilt. Es fehlt nur an Mutigen, wie Paulus, die entscheidenden Schlüsse zu ziehen …
      Mehr zu dieser Thematik schreibe ich übrigens in einem Beitrag für den biblischen Weblog „Dei Verbum“ – „Unbeschnitten strittig“: https://www.dei-verbum.de/unbeschnitten-strittig/
      Mit herzlichem Gruß,
      Ihr Dr. Werner Kleine

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